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Durch das unbekannte Dazwischen – Kleine Zeitung, 30. 9. 2013

Gestern erschien der Bericht zur Wanderung in der Kleinen Zeitung, der Vollständigkeit halber gibt es ihn auch hier zum Nachlesen – für alle, die ihn aufgrund der vielen Wahlinserate übersehen haben. 😉

In der Kleinen Zeitung, 29. September 2013

In der Kleinen Zeitung, 29. September 2013

Durch das unbekannte Dazwischen

Von Graz nach Wien gehen: elf Tage und knapp 200 Kilometer vorbei an Wäldern, Wiesen, verlassenen Nestern und Weitwinkelpanoramen.

Wir hätten auch für zweieinhalb Stunden den Zug nehmen können. Über die Autobahn brettern oder, noch viel schneller, fliegen. Um eine Strecke zu spüren, die man schon hundertmal im Leben zurückgelegt, verschlafen und ignoriert hat, erfordert es eine weitaus langsamere Variante: die Füße, die volle Kraft der Ober- und Unterschenkelmuskulatur, genügend Zeit und überschwängliche Motivation – insbesondere dann, wenn beim Start der Himmel voller Regenwolken hängt.

Um die Langsamkeit und das Fortgehen vom Alltag auf den Gipfel zu treiben, haben wir nicht den kürzesten Weg über den Wechsel und die weite Gerade nach Wiener Neustadt gewählt, sondern unsere eigene Route (siehe Grafik) zusammengeflickt. Anstatt des Flachlands wählen wir Gipfel: Stuhleck, Hohe Wand oder Schneeberg. Besuchen historische Orte wie Roseggers Waldheimat, den Sommerfrischeort Semmering samt seiner kühnen Bahnviadukte oder Mayerling, Tatort des Dramas um Kronprinz Rudolf. Dazwischen entlegene Nester und Gasthöfe, die in den 80ern stecken geblieben sind (Maggi!) – sofern sie überlebt haben.

Vom angeblichen Trend zum Weitwandern ist bei tagelangem Hatsch im Wald, durch Nebel, Niesel- oder Starkregen, Diesigkeit und Gatsch nichts zu spüren. Die Almböden, Berghütten, Bankerln, Lichtungen und Berggämsen haben wir fast für uns – und die Einzigen, die uns anstarren, sind die unzähligen Kühe, deren Weiden wir durchqueren.

„Nein, nach Wien!“

„Geht’s auf Zell?“, fragen die Leute – die ersten drei Tage marschieren wir entlang des Mariazellerweges. „Nein, nach Wien!“, antworten wir und ernten Unverständnis, Begeisterung, manchmal sogar Neid.

Die Menschen, die uns begegnen, sind selten, aber besonders: Der Stroßegg-Rudl, eine Legende unter Wanderern, spielt in seinem Wirtshaus für uns auf und gibt Witze aus seinem riesigen Repertoire zum Besten. Nahe der Hohen Wand begegnen wir einem Schatzsucher, der die Wälder mit seinem Metalldetektor durchforstet. In Neuhaus platzen wir in ein Seniorenkränzchen, im verlassenen Sittendorf – am Wiener Mariazellerweg – laden uns zwei Schwestern (88 und 90) zu Frucade in ihr Wohnzimmer ein und erzählen von ihrer Jugend. „Die Pilger kommen immer wieder vorbei und schauen, ob wir eh noch leben“, sagen sie.

Gehen zu zweit verbindet. Die Schnellere an die Zeitverzögerte. Die mit dem kleineren Rucksack an die mit mehr Platz für Proviant. Und beide angesichts dunkler Wälder, unbekannter Geräusche oder verlassener Gegenden.

Umso seltsamer das Gefühl, nach elf Tagen Fußmarsch und literweise vergossenem Schweiß plötzlich an der Endhaltestelle in Wien-Rodaun zu landen. Müde, abgekämpft und noch Tage davon entfernt, es zu begreifen: Wir sind angekommen.

Elf Tage hin, zweieinhalb Stunden retour. Aber mit der stolzen Gewissheit: Diese Strecke steckt für immer in unseren Beinen.

Autor: Nina Müller

Leute-Redakteurin der Kleinen Zeitung Steiermark.

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